Koloniale Vergangenheit aufarbeiten – Bürger*innenbeteiligung zur Umbenennung der Wissmannstraße startet jetzt

Heute startet ein Beteiligungsprozess unter den Einwohnerinnen und Einwohnern Neuköllns sowie Neuköllner Initiativen, der im Auftrag der Bezirksverordnetenversammlung durch die Abteilung Bildung, Schule, Kultur und Sport, Amt für Weiterbildung und Kultur, gesteuert wird.

Am 20.8.2019 hat die Bezirksverordnetenversammlung von Neukölln (BVV) beschlossen, eine geschichtliche Aufarbeitung des Straßennamens „Wissmannstraße“ zu initiieren. Das Ziel soll die Umbenennung der Wissmannstraße sein. (Drucksache 0089/XX – Geschichtliche Aufarbeitung Wissmannstraße).

Zur Person Wissmann:
Hermann Wilhelm Leopold Ludwig Wissmann, seit 1890 von Wissmann (* 4. September 1853 in Frankfurt (Oder); † 15. Juni 1905 in Weißenbach bei Liezen, Steiermark) war ein deutscher Afrikaforscher, Offizier und Kolonialbeamter.

Als Reichskommissar und Befehlshaber der ersten deutschen Kolonialtruppe war er in den Jahren 1889 und 1890 verantwortlich für die Niederschlagung des Widerstandes der ostafrikanischen Küstenbevölkerung. Vom 26. April 1895 bis 3. Dezember 1896 war er Gouverneur von Deutsch-Ostafrika. Vor dieser Zeit betätigte er sich als Afrikaforscher unter anderem im Auftrag des belgischen Königs Leopold II. in Zentralafrika und durchquerte den Kontinent zweimal auf dem Landweg.

Befehlshaber der „Wissmann-Truppe“
Als die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft (DOAG) versuchte, ihre de facto Herrschaft im sansibarischen Küstenstreifen durchzusetzen, kam es dort im Spätsommer 1888 zum Aufstand der Küstenbevölkerung unter Buschiri bin Salim. Die lose Herrschaft der DOAG brach zusammen; nur die Hafenstädte Bagamoyo und Dar es Salaam konnten gehalten werden. Nachdem der Einsatz eines Kreuzergeschwaders den Widerstand nicht hatte beenden können, entschloss sich Bismarck zur Entsendung einer Landstreitmacht.

Bismarck berief Wissmann zum Reichskommissar und betraute ihn mit der militärischen Niederschlagung. Die aus deutschen Offizieren und afrikanischen Söldnern zusammengestellte „Wissmann-Truppe“ war die erste deutsche Kolonialtruppe, die einen Landkrieg in Afrika führte.

Wissmanns Truppen überschütteten die Aufständischen meist mit kurzem, heftigem Feuer. Eroberte Ortschaften ließ er plündern, in Brand stecken und die Felder verwüsten. Diese Kriegsführung wurde von einigen Zeitgenossen – u. a. vom linksliberalen Reichstagsabgeordneten Eugen Richter – als grausam kritisiert. Andere Stimmen in Deutschland feierten Wissmann aufgrund seines militärischen Erfolgs. Nach der Eroberung der gesamten ostafrikanischen Küste wurde Wissmann 1890 durch Wilhelm II. in den erblichen Adelsstand erhoben.

Das ehem. Kolonialgebiet Deutsch Ostafrika.


Die Bewohnerinnen und Bewohner der Wissmannstraße werden heute per Wurfsendung mit beigelegtem Flyer über das Verfahren informiert und damit zur Mitarbeit aufgerufen.

Die Flyer sind ebenfalls im Haus der Bildung, Boddinstraße 34, erhältlich.

Wir möchten die Anwohner*innen der Wissmannstraße und die Bürger*innen Neuköllns dazu informieren und herzlich dazu einladen, Vorschläge für einen neuen Namen einzureichen.

Warum wird die Wissmannstraße umbenannt?

Im Zuge der Kolonialisierung Afrikas und anderer Teile der Welt durch das Deutsche Reich und andere europäische Länder wurden schwere Verbrechen begangen. Die Täter sollen nicht weiter posthum durch Straßennamen geehrt werden. Die Bezirksverordnetenversammlung von Neukölln (BVV) hat daher die Umbenennung der Wissmannstraße beschlossen.

Dass die Auseinandersetzung mit der Kolonialvergangenheit nicht nur in Berlin, sondern bundesweit stattfindet, zeigt dieser Artikel des NDR:
https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/braunschweig_harz_goettingen/Streit-um-Wissmann-und-um-koloniales-Erbe,wissmann122.html

Welche Namen können vorgeschlagen werden?

Gesucht wird vorzugsweise eine Namensgeberin die in Neukölln gelebt und/oder gewirkt hat und sich um den Bezirk besonders verdient gemacht hat oder die Widerstand gegen die Kolonialmächte geleistet hat oder sich gegen rassistische und koloniale Strukturen eingesetzt hat.

Die Straße kann nur nach einer bereits verstorbenen Person benannt werden. Es darf keine gleich- oder ähnlich lautenden Straßennamen in Berlin geben. Der Name darf dem Ansehen Neuköllns nicht schaden:
Personen die an Verbrechen gegen die Menschlichkeit sowie der Beseitigung demokratischer Strukturen beteiligt waren, werden nicht berücksichtigt.

Wer darf einen Namen vorschlagen?

Vorschlagsberechtigt sind Personen und Initiativen aus Neukölln.

Die 1967 gestürzte Wissmannstatue im Deutschen Historischen Museum Berlin

Wer wird über den Namen entscheiden?

Aus den Vorschlägen wählt eine Jury Namen aus und schlägt sie der Bezirksverordnetenversammlung von Neukölln zur Wahl vor. Die Jury besteht aus Expert*innen und Vertreter*innen der Zivilgesellschaft sowie einer / einem Bürgervertreter*in aus der Wissmannstraße. Sollten keine geeigneten Namensvorschläge gemäß den oben genannten Kriterien eingereicht werden, erarbeitet die Jury eigene Namensvorschläge.

Das Bezirksamt Neukölln nimmt Namensvorschlag online bis zum 26. Juli
2020 entgegen:
www.berlin.de/ba-neukoelln/umbenennung-wissmannstrasse

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